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Einführung von Dieter Mulch 

zur Ausstellung in der Kreisverwaltung Marburg Biedenkopf

26. November 2007 - 18. Januar 2008

Wozu, so könnte einer fragen, braucht man denn eigentlich eine Photoausstellung?
Photographieren ist doch inzwischen etwas so völlig Selbstverständliches geworden;  jeder weiß, wie es geht: man schaut durch einen Sucher oder auf ein Display, und mit einem leichten Fingerdruck hält man fest, was man gesehen hat. Vollends seit die Handys mit einer Minikamera aufgerüstet sind, wird die Zahl derer immer kleiner, die nicht schon selbst Aufnahmen gemacht haben. Unvorstellbar groß ist inzwischen die Menge der Photos, die täglich auf Halde abgespeichert werden. Sehr vorsichtig geschätzt dürfte es sich allein in Deutschland täglich um eine siebenstellige Zahl handeln.

Aber nicht nur quantitativ hat sich der Konsum im Zusammenhang mit Photographie zu einem riesigen Wirtschaftsfaktor entwickelt; auch qualitativ nehmen unsere Ansprüche ständig zu. Unsere bildersüchtigen Augen werden heute selbst von Provinzzeitungen mit photographischen Abbildungen verwöhnt, wie man sie früher nur in besonders illustrierten Magazinen finden konnte.

Paradoxerweise wird all diese Photographie gerade wegen ihrer selbstverständlichen Allgegenwart gewissermaßen “unsichtbar“, soll heißen, der auf rasche Information eingestellte Betrachter schaut auf die abgelichteten Gegenstände wie durch das Glas eines Fensters, wobei das Fenster selbst ja  gar nicht wahrgenommen wird, höchstens wenn es verschmutzt oder beschlagen ist.  Es scheint, je mehr die photographische Abbildung technisch perfektioniert wird, desto weniger wird sie als gezielte und beabsichtigte Darstellungsform  verstanden. In den meisten Fällen bleibt sie auch anonym. Viel zu selten fragt ein Betrachter, unter welchen Umständen ein Photo zustande gekommen ist und wer es gemacht hat.

Aber erst wenn man diese Fragen stellt, beginnt die Reflexion; erst dann öffnet sich der Blick für die Bedeutungsschichten hinter dem schönen Schein  des Lichtbilds, und man fängt an, den Appellen und Absichten nachzuspüren, die sonst nur unbewusst auf die Betrachter wirken.

Gewiss, die große Masse der Photos dient trivialem Gebrauch und lädt nicht zu tiefer gehender Betrachtung ein. Sehr wohl aber lassen sich die Photobilder erkennen, die besondere Aufmerksamkeit beanspruchen dürfen: die Qualität herausragender Photos nämlich misst sich an der Fähigkeit der Photographen, das, was sie ablichten, sichtlich mit einem Kommentar zu versehen; ein “Seht, so habe ich das gesehen“ ist solchen Photobildern eingeschrieben – eingeschrieben durch eine so vielfältige Skala von Gestaltungsmöglichkeiten, dass ihre Verwendung als Merkmal eines Stils oder gar einer persönlichen Handschrift gelesen werden darf.

Mit der Fotografie geben wir unserer persönlichen Wahrnehmung einen individuellen Ausdruck“, lautet ein Satz in dem sehr schön gestalteten Einladungsprospekt. Prüfen Sie das bitte nach: falls Sie es nicht schon bei einem ersten Rundgang getan haben, versuchen Sie nachher die charakteristische Bildsprache der hier vertretenen Photokünstler zu entdecken.
Stellen Sie sich dazu hilfreiche Fragen, z.B.
– Welche Gestaltungselemente kehren in den Bildern immer wieder?
– Erkennt man, warum die Aufnahmen gemacht und für die Ausstellung ausgewählt wurden?
– Welche Motive hat sie oder er bevorzugt?
– Wie wird das Auge des Betrachters auf Wichtiges gelenkt?
– Wie haben die Photographen die Geschenke des Zufalls genutzt?
– Warum gefällt Ihnen die eine Arbeit besser als die andere?
Falls Sie Störendes entdecken – Welche Funktion könnte das wohl haben?
Und schließlich: Welche Überraschungen bereiten Ihnen die Bilder?
Denn gerade das Moment der Überraschung kann künstlerisch produktiv sein. Dazu hat Paul Valéry einmal gesagt:
“Ein Kunstwerk sollte uns immer beibringen, dass wir nicht gesehen haben, was doch vor unseren Augen liegt.“

Ja, was liegt hier vor unseren Augen, was bietet uns die Gruppe pixelprojekt5?  Jedenfalls nicht das, was üblicherweise als Motiv gilt und eventuell als Erinnerungsphoto geknipst wird. Es sind vielmehr Dinge und Situationen, deren “Bildwürdigkeit“ erst entdeckt werden muss; auch im Unspektakulären sind latente Bilder verborgen.

Mir ist aufgefallen, dass es bei allen Mitgliedern der Gruppe Aufnahmen gibt, bei denen der Ausdruck “existentiell anrührend“ wohl nicht zu hoch gegriffen ist. Diese Aufnahmen halten auf ihre jeweils charakteristische Weise die Spuren der Vergänglichkeit fest: (z.B. Achenbach:Symbiose in Rotgrün/ Bäppler:any way/ Jansen: Gründungsversammling/ Lüpkes: doppelt und dreifach/ Junker: tägliches Meeting). Alle Bilder der Ausstellung zeigen, wie wichtig bei pixelprojekt5 die graphische Bildordnung genommen wird. Mehr oder weniger bedeutsam kommt bei allen auch der Bild-im-Bild-Effekt zum Zuge. Aber, wie zu erwarten, gibt es in der Gruppe durchaus unterschiedliche Schwerpunkte: so sind bei Alfred Junker immer Menschen im Bild; Christa Achenbach und Martin Lüpkes zeigen uns, wie durch Nähe und engen Ausschnitt die Dinge fast entmaterialisiert erscheinen können; Landschaft, Stadtlandschaft und im wahren Sinne des Wortes merkwürdige Situationen herrschen vor bei Mechthild Bäppler und Volker Jansen, die auch besonders geheimnisvolle Lichtwirkungen eingefangen haben. Um wieder die Gemeinsamkeiten der Gruppe in ihrer Verschiedenheit zu unterstreichen, wurde ein einheitliches Format gewählt.

Auch wenn es unter den im pixelprojekt5 vereinten Photographinnen und Photographen Bedenken gibt, bei ihren Arbeiten von “Kunst“ zu sprechen, besteht doch kein Zweifel daran, dass es sich bei den Exponaten um Kunstwerke handelt. Die photographische Technik ist zwar von anderen künstlerischen Verfahren unterschieden und hat ihre eigene Entwicklungsgeschichte, aber hier wie dort geht es darum, für andere sichtbar darzustellen, was jemand gesehen hat. Ausgangspunkt ist immer der Blick auf etwas, das den Künstler bewegt, eben das Motiv. Und alle Bilder, in welcher Technik auch immer sie entstehen sollen, müssen  stets die gleichen Grundprobleme der Bildkunst lösen: Komposition, Verteilung der Gewichte, Ausgleich der Kontraste, Spannung zwischen Störung und Harmonie, um nur die wichtigsten zu nennen.

Es besteht also kein Grund, Photos anders als Malerei und Graphik zu betrachten. Selbst in der Herangehensweise an die Arbeit gibt es Übereinstimmungen. So kommt es durchaus vor, dass auch ein Photograph seine geplanten Photos vorskizziert  – und das heißt ja nichts anderes, als dass eine in Gedanken vorhandene Konzeption tastend und erst ansatzweise sichtbar gemacht wird, bevor eine gültige Endfassung gefunden ist.

Und natürlich macht Photographie so, wie sie Ihnen in dieser Ausstellung geboten wird, auch eine Menge Arbeit. Also: nicht zwischen Photographie und anderer Bildkunst ist zu unterscheiden, sondern zwischen reflektiert gestalteter Kunst einerseits und der Masse trivialer Gebrauchsbilder andererseits, die eben mit weniger Aufwand für geringere Ansprüche gemacht werden. Dass die Qualität das entscheidende Kriterium ist, zeigt sich auch im Kunsthandel, wo inzwischen Photos ähnlich hohe Spitzenpreise erzielen wie Werke in den traditionellen Techniken, z.B. erst letztes Jahr 2,9 Millionen $ für einen Abzug von Steichen; aber nicht nur solche Klassiker sind hoch dotiert; auch für Arbeiten von heutigen Zeitgenossen  wie etwa Andreas Gursky oder Jeff Wall werden sechsstellige Beträge bewegt. Ansonsten ergeben sich die Preise, wie überall, aus Angebot und Nachfrage. Nur wenn Sie Ihr Portrait bei der Polizei machen lassen, richtet sich der Preis nach der Geschwindigkeit, mit der die Aufnahmen gemacht werden müssen.

Jede einzelne Arbeit, die Sie in der Ausstellung sehen können, verdient Ihre volle Aufmerksamkeit. Vergessen Sie dabei aber bitte nie, dass jedes dieser Werke  in größere Zusammenhänge gehört. Es erschließt sich uns jeweils eine andere Bedeutung, je nachdem, ob wir ein Photo als Teil einer Werkgruppe betrachten oder  als Entwicklungsstufe in einer Photographenlaufbahn oder etwa als Beispiel für zeitgenössische Photographie in Deutschland – oder aber, wie hier, als Exponat in einer Gruppenausstellung, deren Gesamtwirkung durch jedes einzelne Photo mitbestimmt wird.

Die einzelnen Kunstwerke sind wie die Blätter, an denen wir einen Baum erkennen. Legt mir jemand ein Kunstwerk zur Beurteilung vor,  sei es ein Aquarell, eine Zeichnung oder ein Photo, versuche ich immer zu erfahren, was der Künstler oder die Künstlerin sonst noch macht; ohne diese Zusammenhänge zu kennen, lässt sich weder Beifall noch Ablehnung hinreichend begründen. Nur so kann man erkennen, aus welchem Geist, oder sagen wir, aus welcher Lebensanschauung heraus eine Arbeit geschaffen wurde. Vor allem wird erst durch den Vergleich mit weiteren Werken das Charakteristische einer künstlerischen Handschrift erfassbar.

Machen Sie sich also kundig. Der Lohn wird ein nachhaltiges Vergnügen sein, wenn auch Sie künftig mehr von dem sehen, “was vor unseren Augen liegt“ und was Ihnen sonst entgehen könnte.

Ich wünsche pixelprojekt5 viele kundig-kritische Betrachter.

http://www.dieter-mulch.de